Neue Räume

Das Werk von Lisa van der Heijden-Müller.
Ein Versuch, mir meine Bilder zu erklären.

Ich wurde 1951 in Weitnau, ein kleines Allgäuer Dorf, in eine katholische Familie geboren. Das Katholische ist weiter nicht verwunderlich in einem vorwiegend katholischen Bayern, das übersät ist mit barocken Kirchen und Kapellen. Meine Familie ist sogar im Besitz einer kleinen Barockkapelle, die durch die Bewohner eines kleinen Weilers in der Nähe meines Geburtsortes in Ehren gehalten wird.

Das Leben wurde vom Rhythmus der vier Jahreszeiten bestimmt, aber auch vom Jahresrhytmus der katholischen Kirche mit ihren Festtagen. Obwohl ich später aus der Kirche ausgetreten bin, verspüre ich noch immer eine grosse Affinität zur Mystik und den Ritualen des Katholizismus. Prägend für mich war sicher auch die abwechslungsreiche, zugleich liebliche und harte bergige Voralpenlandschaft, sowie die vorwiegend bäuerliche, wortkarge Bevölkerung. Noch spät im Frühjahr konnte ich in der Ferne die beschneiten Gipfel der Alpen sehen, während die Talwiesen in das Dottergelb des Löwenzahns getaucht waren.

Meine Eltern hatten alle Beide eine, wenn auch unterschiedliche, künstlerische Begabung. Bei meiner bescheidenen Mutter zeigte sich dies zum Beispiel im Machen von entzückenden Bilderbüchern für ihre Enkel in einem naiven aber treffsicheren Zeichenstil mit den entsprechenden Versen. Mein Vater malte, wann immer er Zeit hatte. Im Aquarellieren hatte er eine wahre Meisterschaft entwickelt. Unsere Familie verbrachte jahrelang viele Wochenenden im Atelier eines befreundeten Künstlers. Wenn ich da nicht gerade Modellsitzen musste, bekam ich Papier und Farbstifte in die Hände gedrückt. Bergwandern mit uns Kindern war eine weitere Leidenschaft meines Vaters und in den Rastpausen durfte ich mich dann auch im Aquarellieren versuchen. Für ihn bedeutete es eine lebenslange Frustration, dass er sich nicht vollständig der Malerei widmen konnte und als Handwerker (Maler, Restaurateur) seine sechsköpfige Familie ernähren musste.

Meine Eltern gehörten der schweigenden Generation an. Über den Krieg wurde nicht gesprochen, doch der Schatten war zwar fühlbar, aber nicht fassbar. Nichtsdestotrotz sangen wir als Kinder fröhlich:

Maikäfer flieg,
der Vater ist im Krieg,
die Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer flieg.

Mein Vater litt periodisch an Depressionen, die ich heute als Folge des Krieges einschätze. Er war Soldat in Russland. In den letzten Kriegstagen flüchtete er schwerverwundet durch einen Kopfschuss aus Angst vor Kriegsgefangenschaft aus einem Lastwagen, der schwerverletzte Soldaten in ein deutsches Lazarett überführen sollte. Auch hatten meine Eltern den schrecklichen Unfalltod meines älteren Bruders zu ertragen. Ich habe ihn nicht kennenlernen können, doch er war immer in unserer Familie anwesend.

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Titel: 9,10 – 11 – 1938. Öl auf Leinwand, 40 x 40 cm, 2013.

Ich las viel. Vor allem die Dichter der deutschen Romantik. Ich fand es nicht schlimm, dass ich nicht alles verstand. Ich liess mich einfach mitreissen von der Schönheit und Dramatik der Sprache. Hölderlins Werk zog mich magisch an. Ebenso die Verzückungen des jungen Werthers, der die überfliessende Fülle der Natur beschreibt. Später kam ich in den Bann des Existenzialismus. Das Werk von Albert Camus, Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir bewegte mich und Viele meiner Generation zutiefst. Sartres Aussage: “Wenn im Menschengeist die Freiheit einmal ausgebrochen ist, haben die Götter keine Macht mehr”, gefiel mir sehr. Heute würde ich sagen, dass ich das Wegfallen von Gott zugleich als Verlust, wie auch als bleibende Verbundenheit empfinde. Diese Gefühle spiegeln sich auch in meinem Werk wider. Ich hege noch immer eine grosse Sympathie für die lebensnahe, existenzialistische Philosophie, die das Schicksal akzeptiert, aber nicht aufgibt und Unrecht bekämpft.

In der Zeit, da ich mich mit dem Existenzialismus auseinandersetzte, brachen die Studentenunruhen aus. Ich machte mit.Wir protestierten gegen den Vietnamkrieg, gegen das grosse Kapital und forderten das Schuldbekenntnis über die Greueltaten des 2. Weltkrieges ein. Wir waren zornig und sahen nur schwarz oder weiss. Viele Nazis waren auf ihren alten Posten sitzen geblieben, was für uns total unakzeptabel war. Die Phase der Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung begann. Endlich begonnen auch meine Eltern, über den Krieg zu sprechen, aber sehr vorsichtig. Wie schwierig es ist, überhaupt damit zu beginnen, kann man nun in Spanien sehen, wo die Jugend seit kurzem Aufklärung über das Francoregime fordert, über das bis heute keine Rechenschaft abgelegt wurde. Auch da scheint der Schatten einer unbewältigten Vergangenheit die Jugend noch nach drei Generationen zu drücken.

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Titel: Imploding memory. Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2013.

Es ist nicht so sehr die Kriegsgeneration, sondern die Nachkriegsgeneration, die mit dem Schuldgefühl über die unermesslichen Taten des Naziregimes sitzenbleibt. Theodor W. Adorno forderte, dass nach Ausschwitz kein Gedicht mehr geschrieben und keine schöne Kunst mehr geschaffen werden darf. Die Furcht vor Bagatellisierung des Holocaust ist bis heute zu spüren, glücklicherweise nicht mehr in dieser extremen Form. Es ist aber eine Vergangenheit, die nicht vergeht.

Meine Liebe zur Kunst zeigte sich vor allem in Galerie- und Museumsbesuchen. Ich hatte noch ab und zu einen Zeichenstift in der Hand, aber das war's dann auch. Im Nachhinein stelle ich fest, dass die künstlerische Landschaft meiner Jugend sehr traditionell war und innerhalb des deutschen Expressionismus blieb. Das wurde mir erst klar, als ich Ende der 60er Jahren in München und später in Heidelberg wohnte und mit dem Werk von Beuys, der Düsseldorfer Schule und Fluxus Bekanntschaft machte. Entscheidenden Einfluss auf meine Entwicklung hatte 1994 die Begegnung mit dem Werk von Cy Twombly in Berlin. Damals konnte ich noch kaum Worte für meine Faszination für seine Bilder finden. Auch heute sind es eher Umschreibungen wie mystisch, sinnlich, poetisch und musikalisch. Was ich in seiner Arbeit bewundere ist seine Fähigkeit sein Wissen sowie seine Intuition in spontanen Malgebärden auszudrücken. Sein Werk eröffnete mir auch die Welten des amerikanischen Expressionismus und die der Minimalisten, der Konstruktivisten und der Arte Povera. Beinah so wie für Petrarca, der 1336 den Mont Ventoux bestieg und dort zum ersten mal die Grösse und Fernsicht des Panoramas mit Bewunderung und Verwirrung sah, so erschloss sich mir mit der Abstraktion eine völlig neue Realität. Selbstverständlich weniger dramatisch als Petrarcas daraus entstehender Konflikt mit Augustinus, dem Geist des Mittelalters und der Moderne.

1996 kam ich durch meinen damaligen Freund, inzwischen mein Mann, in die Niederlande nach Leiden und fiel prompt in ein schwarzes Loch. Bis dahin war ich eine erfolgreiche Logopädin, die Kurse im ganzen deutschsprachigen Raum gab und auf einmal war ich niemand mehr. Zuerst stürzte ich mich aufs Erlernen der niederländischen Sprache, was mir ziemlich schnell gelang.

Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, war, dass es noch Menschen gab, die mich als “Mof” – Schimpfwort für Deutsche – bezeichneten. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Aber es gab Situationen, in denen ich mich nicht traute, meine Meinung offen mitzuteilen. Inzwischen erlebe ich das glücklicherweise nicht mehr.

Als ich noch in Deutschland wohnte und arbeitete, war für mich frei malen zu können ein nicht realisierbares Ideal. In den Niederlanden musste ich mich wieder neu erfinden. Das Ideal kam zurück. Nach einem Besuch an der Vrije Academie voor Beeldende Kunsten in Den Haag fasste ich den Mut, mich dort zu bewerben. Erst für eine Orientierungsphase, um zu sehen, ob ich genug Talent hatte und nicht nur einer romantischen Idee nachjagte. Glücklicherweise fanden die Begleiter, dass ich Talent hatte und so wurde ich als Vollzeitteilnehmerin akzeptiert. Mir gefiel die Philosophie der Vrije Academie, in der ich mich frei entwickeln konnte, aber wo auch, wenn immer nötig, Begleiter zur Seite standen. Vor allem Bob Bonies, dem damaligen Direktor, habe ich viel zu verdanken. Mit kurzen treffenden Bemerkungen war er meiner Entwicklung stets einen Schritt voraus.

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Ohne Titel. Öl auf Leinwand, 160 x 160 cm, 2007.

Anfänglich malte ich Köpfe, die aus dem Hintergrund auftauchten. Aber das war nur eine kurze Periode, teils noch nötig aus kompositorischen Gründen, teils auch aus dem Gefühl heraus, ein “reales” Thema haben zu müssen. Schnell wurde meine Ausdrucksform abstrakt. Auftauchen und Entgrenzung des Raumes sind Hauptthemen meiner Arbeit. Allart Lakke hat dazu geschrieben “… es ist ein Raum ohne Gleichnis aus der Zeit vor den Göttern. Es entsteht eine Illud Tempus artige Atmosphäre, eine heilige Zeit, worin die Welt erschaffen wird”. Und “Lisa van der Heijden verfolgte ihren Weg dem Wüsten und Leeren entlang, dem Tohuwabu”. In der Bibelübersetzung von Buber und Rosenzweig ist das “Irrsal und Wirrsal.”1

Meine Arbeit ist sicher beeinflusst durch den amerikanischen Expressionismus, der sich mehr intuitiv und emotional als intellektuell definierte. Chaos, Bewegung und Form sind in meinem Werk wesentliche Elemente. Während der Arbeit entwickelt sich zwischen dem Werk und mir ein eigendynamischer Gestaltungsprozess mit unterschiedlichen bildnerischen Lösungen. Das resultierende Werk ist nicht nur subjektiv, es ist auch ein autonomes Wesen. Jackson Pollock sagt über diese Form von “Zusammenarbeit” von Bild und Maler: “Ich habe keine Angst etwas zu verändern, ein Bild zu zerstören usw., weil das Bild, wie auch immer, ein eigenes Leben führt.”

1Siehe auch: Lisa van der Heijden, altijd op zoek, maar geen idee waarnaar. Allart Lakke, 2013. (www.lisavanderheijden.com.)

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Titel: Neue Welt. Öl auf Leinwand, 140 x 100 cm, 2014.

In meinem Werk verschmelzen Malspuren mit der Raumtiefe. Es ist, im Gegensatz mit zum Beispiel dem Werk von Mondrian, regellos, ein Prozess von Dekonstruktion. Der Betrachter wird gezwungen, seine unbewusste, mentale Konstruktionsarbeit aufzugeben. Dann sieht er sich unmittelbar mit dem Werk und seinen Empfindungen konfrontiert.

Ich beginne jedes meiner Werke mit dem Auftragen vieler dünner Lagen Ölfarbe in Farbnuancen, bis für mich der geeignete Moment gekommen ist, um einzugreifen. Das Eingreifen geschieht meistens in einem Moment der Selbstaufgabe, einem “Urzustand”, manchmal auch als höchst aggressiver Akt der Zerstörung des beinah monochromen Bildkörpers. Danach kommt eine Phase des Gebens und Nehmens, der spontanen Malgebärde, des Übermalens. Die Farbe ist dabei oft eine eigenständige Macht, losgelöst aus der Form. Der Arbeitsprozess ist ein Verschmelzen, Verdunkeln, Auslöschen, Verschleiern, Auftauchen. Es ist ein Agieren und Reagieren und ein Aufdecken und Zudecken. Es ist ein Kampf zwischen Intuition und Ratio bis ein gewisses Gleichgewicht gefunden ist.

Bis 2011 habe ich allein auf monumentalen Formaten gearbeitet. Danach begann ich, herausgefordert durch eine mich interessierende Themaaustellung, auch auf kleinem Format zu malen. Dabei ging es auf einmal weniger um die Expansion von Farbe, als um die Anwendung von bildnerischen, gestischen Mitteln. Auch begann ich, mit dem Farbauftrag zu experimentieren. Kompositionen mit dicken Farbklecksen, abgewechselt mit dünnen Farblagen und Bleistiftzeichnungen, entstanden.

Meine Inspiration kommt sicher aus meinem kulturellen Erbe und dessen geistiger Situation: Deutschland, Bayern, Nachkriegszeit, Leben und Tod. Einfluss auf mein Werk haben weiter auch die Renaissancemaler (Bellini!), die Impressionisten, Expressionisten, Konstruktivisten, etc., eigentlich alle Kunstströmungen des gesamten 20. Jahrhunderts.

Ich arbeite täglich in meinem hell erleuchteten Kelleratelier, wobei das kritische Betrachten des Gemalten oft mehr Zeit in Anspruch nimmt als der Malakt selbst. Wie Martin Disler kann ich sagen: “Wenn ich die Bilder betrachte, dauert es seine Zeit, sie zu begreifen. Lauter Inneres ist Aussen.” Jedes Bild bringt neue Fragen hervor, die in neuen Bildern beantwortet werden müssen. Aber ich kenne auch die hemmende Angst vor dem leeren Tuch.

 

Lisa van der Heijden–Müller

December 2014

Fotos: Andor Kranenburg